Zeitungsartikel vom Konzert am 30.07.2010 mit Chris Turrak und Vic Weaver in Stuttgart

Starke leise Lieder
Artikel aus der Blick vom Fernsehturm vom 02.08.2010
Frauenkopf. Im Cassiopeia zupfen zwei Duos aus Schwaben und aus Sachsen feinen Folk. Von Martin Bernklau

Die Fanbusse, scherzte die Frau mit der Gitarre, waren wohl im Stau stecken geblieben. Ferienbeginn halt, Freitagabend auf dem Frauenkopf. Wer zum Wochenendbeginn trotzdem den schmalen Weg auf die Waldebene-Ost ins Cassiopeia gefunden hatte, der durfte froh sein. Einem kleinen, fanhaft feinen Publikum machten die zwei Folk-Duos zwei richtig schöne Stunden: der Prager Schwabe Vic "Weaver" Kadlec und die Thüringer Sächsin Nadine Maria Schmidt, jeweils mit ihren Partnern.

Am Abend zuvor waren sie noch bei einem fast abgesoffenen Open air im Tübinger Sudhaus ziemlich nass geworden. Da fand Vic Weaver die trockene Variante dann doch besser. Genau wie seine Freundin aus Leipzig ist der Tübinger ein "Singer and Songwriter", der seine Lieder abwechselnd in deutscher und englischer Sprache textet. Es sind Lieder von kleinen Dingen des Alltags, etwa jenem ersten, das ihm einfiel, als er "aus seltsamen Träumen aufgewacht" war wie einst Kafkas Gregor Samsa: "Heute bin ich irgendwie nicht da".

Vic freilich war den ganzen Abend sehr präsent mit seiner klaren, geschmeidigen Stimme, die so gut zu seiner sanften Poesie passte wie zu den doch eher harmonischen Akkorden und Fingerpickings auf der Gitarre. Sein Bassist zog dazu und zu einigen Bottleneck-Einlagen schöne Linien darunter. Mal verschob sich der Charakter mehr in melancholischen Blues, mal trat eher unbeschwerter Country & Western bis hin zu fröhlichen Square-Dance-Anklängen in den Vordergrund.

Nach den programmatischen "tausend unterschiedlichen Arten zu leben", was auf Englisch doch besser klingt, gab das Duo des hauptberuflichen Tübinger Krankenpflegers die Bühne frei für Nadine Maria Schmidt und ihren Freund Chris Turrak am Bass, die gern unter dem Namen Nylonsaiten & Saitenstrümpfe auftreten. Eigentlich macht sie dasselbe wie Vic, auch eigene Songs auf Deutsch und Englisch, aber doch einen ganz anderen Folk als der tschechische Schwabe: sperriger, experimenteller, dissonanter.

Spät erst, mit 23 Jahren, hat sich die Leipzigerin das Gitarrespielen selbst beigebracht. Aber schon ganz schnell wurde ihr Talent erkannt und gefördert: die manchmal minimalistischen, oft motorisch repetierenden Riffs auf dem Instrument und diese Stimme, die hauchen und flüstern, gurren und gurgeln, sanft und zart Melodien entwickeln, dann wieder schneidend scharf schreien, kieksen und kreischen und blitzschnell die gegensätzlichsten Register wechseln kann. Man meint manchmal, ein wenig das verletzlich-ekstatische Vorbild von Janis Joplin zu erkennen, mal mehr den souligen Erzählton etwa einer Tracy Chapman. Und doch hat Nadine Schmidt etwas ganz unverwechselbar Eigenes.

Zu dieser ganz vielschichtigen und variablen Stimme passen jene Texte, die in beiden Sprachen groß und schlicht, immer wieder rätselhaft und dabei doch bildstark und außergewöhnlich suggestiv wirken. "Christmas Tree" heißt so ein Song. Da bekommt eine junge Frau das Weihnachtsgeschenk ihres Vaters mitsamt einem Brief, in dem Dad schreibt, wie toll Weihnachten mit der neuen Familie ist. "Fast eine Hymne" nennt die Musikerin den Song "Change", der um ein einziges Terzmotiv herum die Unmöglichkeit besingt, das Innerste des Herzens zu ändern.

Schöne Liebesballaden, "auf Deutsch immer irgendwie langsamer als die englischen", wechseln mit verstörenden Liedern wie jenem "Wenn sie geht", das sich mit großem Zartgefühl dem Thema Demenz nähert, dem Verschwinden einer vertrauten Person. Das Abschieds-Liebeslied "An dir vorbei", trotzig und traurig, steht neben der Angst-Ballade von Yannicks Schloss, die sich auch wieder über einem schlichten Vierton-Motiv auftürmt. Mit leichter Ironie gab diese großartige Musikerin dann noch ein paar Mitsinglieder mitten im kleinen Publikum. Das musste alle Kräfte aufbieten, um die ausgebliebenen Fanbusse zu ersetzen. Und tat es.

Zwei fantastische, ganz gegensätzliche Folksänger waren da zu hören, richtig gut.

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